Der
BBS-Watcher, erster Eintrag
Aus
der Analen der Istenz erhebe ich mich nun und beginne mein Werk.
Gewartet habe ich lange - doch es scheint Zeit, mich der TrekBBS
preiszugeben. Eintrag eins meines Tagebuchs: Atomare Endlagerung
in Ägypten. Was sind Pyramiden wirklich?
Worauf
ich hinaus will: Dieser Tage diskutiert die TZN-Community unter
www.trekbbs.de angeregt das
Thema Atomenergie und seine Nebenwirkungen. Im Wirrwarr der Forenbeiträge
zeigen sich die unterschiedlichsten Ansichten, bisweilen entstehen
aggressive Auseinandersetzungen. Und ich bin mittendrin, notiere
alles, niemand sieht mich.
Der
hauptsächliche Diskussionsfaden umspannt die Castor-Transporte
und entsprechende Gegendemonstrationen. Hier nun die wichtigsten
Kernaussagen und Statements der Community-Mitglieder:
"Fakt
ist: Demonstranten verzögern die Transporte nur und machen
sie umso gefährlicher... Sie denken, sie würden etwas
Gutes tun, dabei gefährden sie den ganzen Transport und die
ganze Region, denn wenn sie einmal 'zu' handgreiflich werden und
etwas schief geht, ja dann gute Nacht."
"Anti-Castor-Demonstranten
sind IMO Leute, denen man die Kosten der Polizeieinsätze in
Rechnung stellen sollte. Denn selbst die friedlichen Demonstranten
machen es erforderlich, dass ganze Hundertschaften zur Sicherung
der Transporter anrücken müssen."
"Ich
sehe das etwas differenzierter. Für mich gibt es da zwei Gruppen,
die friedlichen Demonstranten und die Chaoten. Jeder hat das Recht,
seine Meinung frei zu äußern und im Normalfall auch das
Recht, zu demonstrieren."
"Zu
den Castor-Transporten: Es ist unser Dreck, den wir daher gefälligst
auch zu lagern haben - das Verursacherprinzip gilt auch für
Atommüll. [...] Die Gefahr einer Umweltkontamination während
des Transports ist vernachlässigbar gering. Daher sind die
Proteste nur insofern berechtigt, als sie Ausdruck einer generellen
Ablehnung der Atompolitik sind."
"Ziel
der Demonstranten ist es, die Atomkraft für den Staat ineffektiv
zu machen. Indem der Staat 13.000 Polizisten zusammenziehen und
bezahlen muss (um gerade einmal 5.000 Demonstranten zu bewachen...),
wird die Atomkraft ein Stück weit ineffektiver."
"Nur
zu demonstrieren, damit aufgrund der teuren Polizeieinsätze
die Transporte unrentabel werden, ist lächerlich! Das hieße
ja, dass ihr wollt, dass irgendwann der Staat die Transporte aufgibt,
weil er den Aufwand nicht bezahlen kann, und dann erreicht der Atommüll
nie ein Endlager, sondern strahlt an einem viel gefährlicheren
Ort vor sich hin. Das kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein..."
"Gewalt
bei Castoren hat [...] auch den Sinn, öffentliche Aufmerksamkeit
zu erregen. Vielleicht lehnen viele Leute wegen der Gewalt die Aktionen
ab, aber sie werden immerhin dazu gebracht, drüber nachzudenken.
Diesen Zusammenhang finde ich erschreckend: Erst wenn Steine fliegen,
sind die Medien, das Kontrollorgan der Demokratie, präsent.
Solange sich die Leute nur friedlich versammeln, interessiert es
niemanden."
"Heiligt
der Zweck also die Mittel? Rechtfertigt 'Präsenz in den Medien'
Sachbeschädigung, oder noch schlimmer, Gewalt? IMO nicht."
"Das
Grundgesetz - genauer Artikel 20 (Strukturprinzipien) - lässt
Widerstand auch dann zu, wenn der Staat unrechtmäßig
(was nicht gleichbedeutend mit ungesetzlich ist) handelt. Dabei
braucht nicht nur das eigene Leben gefährdet sein, sondern
auch der Schutz Dritter vor potenziellen, unrechtmäßigen
Übergriffen durch staatliches Handeln ist damit abgedeckt.
Dieser Artikel bezieht sich über den individuellen Aspekt der
Gewalt hinaus eben auch den strukturellen, systemischen Aspekt.
Ein Unrechtssystem kann nicht die Loyalität seiner Bürger
erwarten."
Man
darf gespannt sein, wie sich dieser Diskurs weiter entwickelt. Denn
eine ganz bestimmte und interessante Bemerkung wurde noch nicht
ausreichend besprochen:
"Die
Endlagerung gehört zu den größten Problemen der
Atomkraft. Die Halbwertszeiten von Uran beziehungsweise Plutonium
sind gigantisch. Ein Endlager zu finden, heißt einen Ort zu
finden, der mehrere zehntausend Jahre stabil ist. Gehen wir mal
von einer Lagerungszeit von nur 15.000 Jahren aus, so ist das eine
Zeit, die dreimal so lang ist wie es menschliche Hochkulturen gibt
(die Hochkultur unter Hammurabi liegt etwa 5.000 Jahre zurück).
Diese Zahlen zeigen, wie hirnverbrannt das Vorhaben ist, den Atommüll
über einen solchen Zeitraum zu lagern.
Und
mal von den geologischen und seismischen Problemen abgesehen (denn
keine Region der Erde ist da hundertprozentig sicher), ist es fast
unmöglich diese Lagerungsstellen für zukünftige Generationen
beziehungsweise viel eher für zukünftige Kulturen zu kennzeichnen:
Es gibt heute keine Form eines Hinweiszeichens, das 15.000 Jahre
an einer Stelle übersteht.
Der
Bekannte erzählte mir das und eine Idee, die in den 70er-Jahren,
in den Hochzeiten der Anti-Atomkraftbewegung, diskutiert wurde:
Am erfolgvversprechendsten schien in dieser Diskussion der Vorschlag,
eine eigene Religion zur Wahrung dieses Wissens um die Lagerstätten
zu stiften. Eine streng geführte Priesterkaste hätte dann
die Aufgabe, alle nötigen Informationen zu erhalten und die
Menschen vor den Gefahren des Mülls zu wahren.
Wie
ist das eigentlich mit den ägyptischen Pyramiden? Diese Monumente
überdauern bereits Jahrtausende und stehen trotz Wind und Wetters
weiter stabil mitten in der Wüste. Nach der Geschichtsforschung
wurden sie als Grabmähler der Pharaonen gebaut. Aber wer weiß?
Wer sagt uns, dass dies nicht Hinweisschilder sind zur Warnung vor
Atommülllagern in den Tiefen des Wüstengesteins? Entsprechen
diese Monumente nicht genau dieser Idee, die in Zusammenhang mit
atomarer Endlagerung in unserer Zeit angestrebt wird: eine mehrere
10.000 Jahre überstehende Warnung zu installieren...?"
Bemerkenswerter
Gedanke. Mal schauen, ob er ausreift. Verfolgt also das Geschehen
und besucht ab und wann die TrekBBS (hier
die vollständige Diskussion). Aber: Be careful with your
answers! Ich beobachte euch!
Euer
BBS Watcher
(November
/ Dezember 2003)
Der
BBS-Watcher wird gewöhnlich veröffentlicht in den Newslettern
des TrekZone Network: www.trekzone.net
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