Erklärbär
 

Tun wir mal so, als hätten wir Ahnung, wovon wir reden

Was, wenn unsere Sprache nicht dazu in der Lage ist, eine bestimmte Wahrheit zu erfassen? Die Wahrheit darüber, dass irgendetwas der Fall oder nicht der Fall ist… Was, wenn die Worte fehlen? Oder die treffende Syntax? Was, wenn das Lexikon noch zu klein ist?

Unser gewohnter Wortschatz hat die Macht, unsere Denkweisen einzuschränken. Gibt es zum Beispiel nur ein Wort für zwei verschiedene Dinge, und ähneln sich diese Dinge sehr, dann neigen wir dazu, die Zweibedeutsamkeit zu übergehen und uns nur einen einzigen Bezug auf besagtes Wort vorzugaukeln.

Dass es unterschiedliche Arten von FREIHEIT gibt, ist dem Englischsprechenden vermutlich mehr präsent als dem Deutschsprechenden. Beim Erlernen der englischen Fremdsprache fällt es jungen Schülern oft schwer, die richtige Wahl zwischen freedom und liberty zu treffen. Freiheit im Deutschen kann beides meinen: Sowohl das Freisein im Allgemeinen, als auch konkret das Freisein nach einer Unfreiheit, also das Befreit-sein.

Mit der Zeit wird dem Schüler der Unterschied zwischen den beiden englischen Worten intuitiv oder bewusst klar. Und so weiß er mehr als zuvor; zumindest mag er sich der Unterscheidung eher bewusst sein.

Unser gewohnter Wortschatz, der Umfang unseres persönlichen Lexikons, kann also unser Denken beschränken, Unterscheidungsgrenzen ziehen. Wir wollen nicht behaupten, dass es immer oder oft so ist. Aber dass er generell dazu in der Lage ist, sei betont.

Man kann wohl sagen: Je mehr Unterscheidungen eine Sprache machen kann, die sich auf tatsächliche Unterschiede in der Wirklichkeit beziehen, desto besser. Dagegen: Hoffentlich gibt keine begrifflichen Differenzierungen, die nur so tun, als würden sie reale Unterschiede vortäuschen.

Es geht immer noch um die Frage: Was, wenn unsere Sprache nicht dazu in der Lage ist, eine bestimmte Wahrheit zu erfassen?

Und worauf will dieser Erklärbärtext eigentlich hinaus?

Der Erklärbär möchte hinaus auf drei Angelegenheiten, drei Sachverhalte, von denen der Erklärbär erzählen möchte, als seien sie prosafähige Geschichten.

Die drei Geschichten des Erklärbärs

ErklärbärDie erste Geschichte handelt von philosophischen Skeptikern, die davon ausgehen, dass sich nichts wirklich beweisen lässt, denn es kann ja sein, dass wir uns alle in einer Art Traumzustand befinden, nicht aufwachen und deswegen hinter den Schranken der Traumwelt gefangen sind. Matrix lässt grüßen. Jeder bisherige Beweis, egal welcher Art, wäre demnach geträumt und rein gar nicht aussagekräftig… Lieber Leser, rollen Sie nicht mit den Äuglein. Die Wahrscheinlichkeit dafür hin oder her: Der skeptische Wenn-Dann-Gedankengang stimmt! WENN wir nur träumen, DANN haben wir nichts Reales bewiesen. Die Wissenschaft aber möchte nun einmal gerne die Realität erklären. So unheimlich gern.

Die zweite Geschichte erzählt von Sprachphilosophen und Linguisten, die ganz erschlagen sind von der Erkenntnis, dass wir nicht wirklich wissen, wie der Bezug zwischen Sprache und Welt funktioniert...

Manchmal, zum Beispiel, meint der Mensch ja das eine, sagt aber ungewollt das andere. Einfach, weil er ein Wort falsch gelernt hat.

Die Frage lautet also: Bedeutet ein Wort das, was ich mit dem Wort ausdrücken möchte? Oder bedeutet es das, was die gedruckten Wörterbücher diktieren? Anders: Was meinen wir, wenn wir sagen, „dies bedeutet jenes“? Kein Scherz, die philosophische Welt schlägt sich die Birnen ein im Streit darüber, was Bedeutungen sind und was nicht. Und es handelt sich dabei um keine lächerliche Debatte. Es zeichnet sich ab: jeder, der versuchte, daran teilzunehmen, sich also hinsetzte und aufschreiben wollte, was Bedeutung gefälligst ist, kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. Immerhin steht zur Aufgabe, eine Bedeutungsdefinition auszuformulieren, die sich auf alle Worte (denen wir Bedeutung zuschreiben), beziehen lässt. Und es klappt bisher einfach nicht.

Die dritte Geschichte erzählt von Hilary Putnam. Er nahm sich eine der modernen Bedeutungstheorien zur Hand, arbeitete sie durch und erklärte: falls diese Theorie die gesuchte korrekte Theorie ist, dann kann man die vorhin genannten Skeptiker vom Spielplatz der Wissenschaften vertreiben. Denn unsere Sprachen seien demnach nicht in der Lage, die Unterscheidung zwischen Traumwelt und Realität in Worte zu fassen. Beziehungsweise: Unsere Worte können (dieser Bedeutungstheorie nach) niemals das bedeuten, was wir über das Jenseits der Traumwelt ausdrücken wollen. Ergo: mittels Sprache disziplinierte Wissenschaft betreiben kann man mit solchen Skeptikerthesen nicht. Und da für den Wissenschaftsbetrieb Sprache unabdinglich ist, es also keine Alternative gibt, bliebe dem wahren Forscher nichts anderes übrig, als die Skepsis sein zu lassen und doch lieber fruchtbringendere andere Forschung zu betreiben.

Wie Putnams Gedankengang funktioniert, darüber zerbrach sich die Schlaflos-in-Bielefeld-Gruppe den Kopf, diskutierte ewig und wurde sich im Grunde erst in letzter Sekunde, vor dem Präsentationstermin, einig. Diese Webseite archiviert die Hilfsmittel des Vortrags, versucht, das Vorgehen der Gruppe und das Ergebnis der Antwortsuche wiederzugeben.

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