Schlaflose in Bielefeld

Majas bebilderte Zusammenfassung wichtiger Argumente in Hilary Putnams ersten Kapitel aus "Vernunft, Wahrheit und Geschichte". Das Kapitel heißt "Gehirne im Tank" und handelt sinnigerweise auch von solchen.

Gegenüberstellend ist Kays vollständige Darstellung des Argumentationsganges jenes Kapitels empfehlenswert. [Klick]



Fußnote Seite 15:

„Die Ausdrücke 'Repräsentation' und 'Bezugnahme' beziehen sich in diesem Buch stets auf eine Relation zwischen einem Wort (oder sonst einer Art von Zeichen, Symbol oder Darstellung) und etwas, das tatsächlich existiert, (d.h. nicht etwas, das bloß 'Gegendstand des Denkens' ist). Es gibt zwar einen Sinn von Bezugnahme, in dem ich mich auf Nichtexistierende Dinge beziehen kann; hier jedoch wird 'beziehen' nicht in diesem Sinne verwendet. Ein älteres Wort für das, was ich hier 'Repräsentation' bzw. 'Bezugnahme' nenne, ist Denotation.

Ferner schließe ich mich der Gepflogenheit moderner Logiker an, 'existieren' im Sinne von 'in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft existieren' zu verwenden. Dementsprechend 'existiert' Winston Churchill, und wir können uns auf Winston Churchill 'beziehen' bzw. ihn 'repräsentieren', obwohl er nicht mehr lebt.“


Seite 15 und 16 (Einleitung): Eine Ameise läuft eine Linienstruktur in den Sand, die uns wie ein Abbild Churchills erscheint. Aber die Struktur ist kein Abbild, ist keine Repräsentation. Denn:

  • Ähnlichkeit ist keine notwendige (auch nicht hinreichende) Bedingung für Repräsentation; es gibt viele Abbilder Churchills, die ihm überhaupt nicht ähneln. Dass wir also eine Ähnlichkeit feststellen, ist kein Argument dafür, dass es ein Abbild ist.
    -
  • Die Ameise hatte weder die Absicht, noch die die Intelligenz oder Fähigkeit, Churchill abzubilden. Diese Dinge sind also auch relevant für Repräsentationen.

Putnam fragt:

„Wenn Linien im Sand […] als solche nichts repräsentieren können, wieso können dann gedachte Formen als solche etwas repräsentieren?“

Seite 17 und 18 („Magische Theorien der Bezugnahme“):

„Nur sofern die Ameise Intelligenz besitzt (was nicht der Fall ist) und etwas über Churchill weiß (was ebenfalls nicht zutrifft), ist die von ihr umrissene Kurve ein Bild oder gar eine Repräsentation von etwas.“

Wichtig sei es:

einzusehen, daß das, was für physische Bilder gilt, auch auf geistige Bilder und geistige Repräsentationen im allgemeinen zutrifft;

geistige Repräsentationen stehen ebenso wenig in einem notwendigen Zusammenhang mit dem Repräsentierten wie physische Repräsentationen.

Die entgegensetzte Annahme ist ein Überbleibsel magischen Denkens.

Ein Beispiel magischen Denkens: Naturvölker, die davon ausgehen, im bei der Geburt zugeteilten Namen einer Person stecke eine Eigenschaft derselben (magische Verbindung zwischen Namen und Namensträger; quasi: er heißt Müller, wird also müllerische Eigenschaften haben…).


Seite 18 und 19 („Magische Theorien der Bezugnahme“): Das Gedankenspiel von aus einem Ufo auf einen fernen Planeten gefallenen Baumbild: Dort gibt eine keine Bäume, auch kein Leben baumähnlicher Art. Die Planetenbewohner grübeln nun: Was ist da abgebildet? Ein Tier? Ein Gebäude? Sie kommen der Wahrheit nicht einmal nahe.

Für uns ist repräsentiert das Bild einen Baum. Für die Planetenbewohner dagegen einen unbekannten Gegenstand. Die Menschen dort können ein Vorstellungsbild haben, das qualitativ identisch ist.

Man kann durchaus behaupten, dass das Vorstellungsbild jener Planetenbewohner trotzdem einen Baum repräsentiert. Denn es gibt ja eine kausale Verbindung:

Ein Fremder sah einen Baum, malte ihn, stieg in sein Ufo, warf das Bild über jenem Planeten ab, und die Planetenbewohner schauten es sich an und prägten es sich ein; definitiv ein kausale Kette. Also Repräsentation.

Putnam will aber unbedingt betonen, dass ein Vorstellungsbild nicht automatisch eine Repräsentation eines Gegenstands ist. Im Grunde sagt er, dass KEIN Vorstellungsbild eine solche eine Repräsentation ist (denn das, was das Repräsentative ausmacht, sei etwas anderes – mehr dazu später).

Und um nun ein für alle mal klarzustellen, dass qualitative Identität der Vorstellungsbilder nicht ausreichend für Repräsentation ist, strickt er die Lügengeschichte weiter:

Wir stellen uns einfach vor, dass das aus dem Ufo gefallene Bild zwar genauso aussieht wie eine gute Baumabbildung, aber dennoch keine ist – sie ist ein zufälliges Nebeneinander wahlloser Farbkleckse. Und der Herkunftsplanet des klecksenden Künstlers ist sogar einer, auf dem ebenfalls noch nie ein Baum gewachsen ist.

Konsequenz: Das Kunstwerk löst Vorstellungsbilder aus, die mit unseren baumechten Vorstellungsbildern qualitativ identisch sind – und trotzdem keine Bäume repräsentieren.

Und aus dem Umstand, dass es solche Vorstellungsbilder geben kann, folgert Putnam, dass eben Vorstellungsbilder auf keinen Fall jene Dinger sind, die die gesuchte Repräsentationsbeziehung herstellen. Es muss etwas anderes sein…


Seite 19 („Magische Theorien der Bezugnahme“): Dasselbe gelte auch für Wörter. Wenn durch Zufall eine Wortreihe kreiert wird (Affen tippen planlos auf einer Schreibmaschine rum), die aussieht wie ein inhaltlich und rechtschreiblich ordentlicher Satz der japanischen Sprache, und jemand daher kommt, der des Japanischen nicht mächtig ist, und er lernt die Wortreihe auswendig und sagt sie auf: dann bezieht sich das Aufgesagte auf nichts. Selbst, wenn unser Nicht-Japaner ein Gefühl des Verstehens verspürt, bezieht sich das Aufgesagt weiterhin auf nichts. Denn:

- der Text war zufällig
- er wirkt auf Japaner wie das Japanische
- unser Nicht-Japaner kann nicht japanisch

{Maja meint: Allein schon Punkt Nummer eins bedeutet, dass der Text keinen referentiellen Bezug zu etwas hat.}

„Durch diese [Spinnereien] können wir einen Fall austüfteln, in dem jemand Wörter denkt, die in einer Sprache tatsächlich eine Beschreibung von Bäumen bilden, und zugleich passende Vorstellungsbilder hat, ohne daß er jedoch die Wörter versteht, noch weiß, was ein Baum ist.“

Seite 20 („Magische Theorien der Bezugnahme“):

„Kurz, alles, was dem Betreffenden durch den Sinn geht, könnte qualitativ identisch sein mit dem, was einem Sprecher des Japanischen, der wirklich an Bäume denkt, durch den Sinn geht – nichts jedoch davon würde sich auf Bäume beziehen.“

Die wichtige begriffliche Wahrheit lautet:

„Daß selbst ein umfassendes und komplexes System [verbaler und visueller] Repräsentationen dennoch keine [eingebaute] Verbindung hat mit dem, was es darstellt – eine Verbindung, die unabhängig ist von ihrer Verursachung und der Beschaffenheit der Dispositionen der Sprechenden bzw. Denkenden.“

Seite 21 („Gehirne im Tank“): Erste Version des Gehirn-im-Tank-Problems. Man stelle sich vor, entführt worden zu sein, seinem Körper beraubt. Das eigene Bewusstsein wurde transferiert in einen Simulation, die einem vorgaukelt, nichts sei passiert (keine Entführung, keine Körperberaubung). - Zitat:

„Wenn eine derartige Möglichkeit in einer Vorlesung über Erkenntnistheorie angeführt wird, ist natürlich bezweckt, das klassische Problem des Skeptizismus bezüglich der Außenwelt auf moderne Weise aufzuwerfen.“

Seite 22 („Gehirne im Tank“): Zweite Version des Gehirn-im-Tank-Problems. Man stelle sich vor, alle Menschen befänden sich in einer solchen Simulation gefangen. Niemand wurde entführt. Das Universum ist so entstanden. Wir alle durchleben quasi eine kollektive Halluzination. Die Täuschung ist perfekt.


Seite 23 („Gehirne im Tank“): Angenommen das ist wahr. Könnten wir sagen oder denken, dass wir keine Gehirne im Tank sind? - Putnam behauptet: Können wir nicht.

Er meint, die Annahme, dass wir alle Gehirne im Tank sind, sei selbstwiderlegend.

Selbstwiderlegend ist nach Putnam eine Annahme, wenn ihre Wahrheit ihre Falschheit impliziert.

Beispiel:
Alle meine Aussagen sind falsch.

Das ist eine allgemeine Aussage. Also muss sie, sofern sie wahr ist, falsch sein.

Manchmal ist eine These auch selbstwiderlegend, wenn die Falschheit allein schon durch die Annahme impliziert wird, die These zu erwägen oder auszusprechen.

Beispiel:
Ich existiere nicht...

... ist selbstwiderlegend, „wenn ich es bin, der es denkt. Also kann man seiner eigenen Existenz gewiss sein, sofern man über sie nachdenkt (wie Descartes argumentiert hat).“