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Selbstbetrug ins Erdgeschoss

Ich hab geträumt von meinem letzten Vortrag im Geschichtsunterricht der Oberstufe. Ich wachte sehr verärgert auf. Ist schon so einige Jahre her, aber der Groll ankert offensichtlich noch feste.

Hätte ich damals nur mehr Mumm gehabt! Heute kann ich mit Worten besser umgehen, kann so formulieren, dass ich mein Gegenüber fein, fein ins Erdgeschoss rede. Und genau das hatte meine Mitschülerin damals verdient. Und es wäre auch didaktisch das Richtige für sie gewesen. Stattdessen entschied ich mich für Solidarität und Stillschweigen. Für das Vermeiden von Konfrontation und Aufsehen. Schüleralltag eben. Mit dem Rücken an die Wand. Verraten wird nicht, nur Verräter verraten.

Das war nämlich so: Wir beide erhielten den Auftrag - haltet einen Vortrag über die goldenen 20er Jahre. Ein Jahrzehnt, das seinen Namen erhielt von dem veredelten Leben einer kleinen Bevölkerungsgruppe im ausgehungerten Deutschland vor der NS-Zeit. Den sich bereichernden Geldhabern ging es glänzend, sie feierten ausgiebig, trugen teure Mode und entflohen mit Lifestyle und Tanz dem schrecklichen Alltag. Dem Alltag der Hab- und Obdachlosen auf den Straßen. Suppenküchen überall, wenig Essen, wenig Verdienst, graues bis schwarzes Dasein, die höchste Arbeitslosenrate der Geschichte, Weltwirtschaftskrise.

Wir beide, sie und ich, sollten den Vortrag ausarbeiten und gemeinsam halten. Doch wir trennten uns auf halbem Wege. Ich hatte es abgesehen auf ein anderes Thema, beredete die Lehrerin, mich aus dem Gruppenzwang zu entlassen. Und sie entließ mich, genehmigte mir ein Sonderreferat zum Thema meiner Wahl. Ich sprach mich ab mit meiner Mitschülerin. Sie war einverstanden, es war noch lang hin bis zum Vortrag, es bedeutete keinen Einbruch für sie, sie zeigte Verständnis. Eine Erleichterung, ich war zufrieden.

Anderthalb Wochen später, am Mittwochabend, klingelt das Telefon. Sie ist am anderen Ende und verkündet, sie habe mit der Lehrerin vor dem Wochenende vereinbart, dass wir doch besser zu zweit den Vortrag halten sollten. Am nächsten Morgen, am Donnerstagmorgen. Sie dachte, die Lehrerin habe mich bereits informiert.

Unglaublich!

Ich hätte auflegen sollen. Stattdessen sprach ich mich mit ihr ab, setzte mich in die Heimbibliothek meines Vaters, das heißt, in sein Arbeitszimmer und las über Nacht zwei gute Bücher zum Thema. Ich spekulierte auf Kurzzeitgedächtnis, machte mir wenige Notizen und nahm mir einen Gedichtband mit von Kurt Tucholsky, der einige klar verständliche und bewegende Verse geschrieben hat, die das Elend der Zeit auf den Punkt bringen.

Am Donnerstagmorgen stand dann meine Mitschülerin als Erste vor der Klasse und präsentierte die Mode, die Musik und das Tanzverhalten der stylischen Leute aus den 20er Jahren. Die waren ja so goldig. Kein Wort über das tatsächliche Leben. Kein Wort darüber, warum man sich heute an das lächerliche Gold erinnert. Kein Wort über die Krise. Als ich aufstand um Teil 2, meinen Teil, vorzutragen, war klar, dass es an mir lag, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die Lehrerin schaute bereits missmutig drein. Das Referat meiner Mitschülerin hätte auch aus einem unüberlegten Artikel einer Jungendmodezeitschrift stammen können.

Aber ich war viel mehr erschlagen von der Wortwahl meiner Vorrednerin, von der 20er-Jahre-Musik, die sie eingespielt hatte, von den Fotos und Bildern, die noch immer von Hand zu Hand gereicht wurden. Die Musik und die Bilder kannte ich nämlich. Sie waren Teil eines älteren Vortrags, an dessen Onlinestellen ich mitgewirkt hatte. Ein Blick auf ihr Skript bestätigte meinen Verdacht. Sie hatte die Website einfach ausgedruckt und vorgelesen, hatte die Lieder runtergeladen, ebenso die Bilder. Nichts stammte von ihr. Mein Herz pochte. Das man mit so was durchkommen kann!

Fassen wir also zusammen: Der Vortrag war geklaut. Und er schoss radikal am Thema vorbei. Ihr Auftrag war gewesen, die 20er Jahre vorzustellen und nicht vergoldete Modeskizzen hochzuhalten.

Ich stellte es so dar, als sei alles abgesprochen, als habe sie die eine Seite der Medaille gezeigt und als kämen wir nun zur anderen. Ich erzählte vom Kontrast, von der überwältigend großen Bevölkerungsgruppe, der es beschissen ging. Ich nannte Zahlen, Jahre, Nöte. Ich las das beeindruckende Gedicht von Tucholsky vor. Aber da es meinem Referatsteil an Bild und Ton fehlte, war ich in zehn Minuten fertig. Meine Mitschülerin hatte an die zwanzig erzählt. Fröhlich und anerkennend. Mode ist ihr wichtig. Das Klischee lässt grüßen.

Ich erhielt eine Eins minus. Sie eine Eins. Und sie beschwerte sich darüber. Ich hätte ja weniger getan, weniger erzählt, sie habe auf die Uhr geschaut. Mir wurde so richtig schlecht. Sie wollte nun entweder ein Plus vor ihrer Eins oder eine Degradierung zur Zwei für mich. Und ich schäme mich heute noch, dass ich nicht die Klappe aufgerissen habe. Scheiß Solidarität.

Richtig wäre es so gewesen: Vortrag retten, Solidarität wahren, danach meine Mitschülerin beiseite nehmen und emotional derart fertig machen, dass sich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Am Besten im Beisein ihrer Banknachbarin, die ihren Modefimmel teilt, aber nicht ihre unakademischen Ambitionen. Die Banknachbarin will 'wohin, will Dinge wissen, lernt viel und mit Begeisterung. Ich habe Respekt vor ihr. Sie weiß eine Menge, ist mir in so manchen Dingen hochaus überlegen, ich nehme ihr Wort ernst. Aber auch sie schaute mich an, als sei mein Teil des Vortrags weniger Wert.

Richtig wäre gewesen, meiner Mitschülerin in niederschmetternden Hochdeutschphrasen mitzuteilen, dass ich weiß, wie sie sich durchmogelt, was für eine Heuchlerin sie ist. Dass es radikal unehrenhaft ist. Dass sie sich ihrer gespaltenen Zunge bewusst werden muss. Erst nichts machen, sondern klauen, und mir dann auch noch öffentlich die Güte meiner Arbeit absprechen! Unverschämt: Das Wort fand ich damals verpönt. Aber es passt doch so sehr.

Doch ich verhielt mich nicht richtig. Ich schwieg, wie ich immer geschwiegen hatte. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich mitbekam, wie sie vorging. Aber es war das erste Mal, dass sie Wissen als das Ihre verkaufte, dessen Herkunft meinen Stempel trug.

Das sitzt so tief: So viele Jahre so wenig den Mund aufgemacht! Und nun, wo der Knoten geplatzt ist und ich endlich ohne Angst, sondern mit Stolz in der Lage bin, zu sagen, was ich denke, was ich als Falsch empfinde... nun schäme ich mich, dass ich nicht damals schon soweit war. Andere waren es doch auch! Es ist zum Heulen. Es ist so ein Selbstbetrug! Ich hatte schon in der Oberstufe meine festen Werte, die haben sich nicht verändert. Aber erst heute habe ich den Mut, sie zu verteidigen. Ich könnt wirklich heulen, wirklich wahr. Eine große Scheiße ist das. Ich bin so angewidert von mir selbst! Ich habe so oft einen auf den Deckel bekommen für Dinge, mit denen ich rein gar nichts zu tun hatte. Wie schön wäre es gewesen, wäre ich niedergemacht worden für eine große, ehrliche Klappe. So wunderschön.

Text: Marianne Jaffke, www.originalmaja.de

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