(April 2010) Fortwährend denke ich an einen jungen Mann, den ich nie getroffen habe und der wohl in diesen Tagen sein Abitur macht – wenn denn alles glatt geht. Er hat das Asperger-Syndrom. Das, was mich initiiert auf eine gestellte Frage körpersprachlich, gesprochen, nach außen hin reagieren zu können, fehlt ihm.
Rückblick: Ich saß mit Freunden und solchen, die es werden sollen, an einem Tisch, trank Tee, aß Polenta und naschte vor-osterliche Schokohasen. Und so hörte ich die Geschichte von einem begabten Oberstufler, der lange Zeit von seinen Mitschültern und Lehrern als zurückgeblieben wahrgenommen, trotzdem aber immer huckepack von einer Klassenstufe in die nächste versetzt wurde; man gab ihm jedes Schuljahr gerade so die Noten, dass er versetzt werden konnte. Die Vermutung ist: Sie wollten keinen Sitzenbleiber verantworten. Es hatte sich wohl auch keiner die Mühe gemacht, sich mit ihm auseinander zu setzen. Unser Schulsystem schert sich nicht sehr um Aspergerschüler.
{Nachtrag. Ich entschuldige mich für die Übertreibung: ich sehe ein, dass das Schulsystem Menschen einschließt, die sich sehr wohl abmühen.}
Da geistert sicher einigen meiner Leser die Idee SONDERSCHULE/FÖRDERSCHULE durchs Oberstübchen. Das ist allerdings ein bekloppter Einfall: Einen geistig gesunden, sogar hochbegabten Menschen lässt man da nicht verenden, das ist einfach falsch. Das ist nichts weiter als ein Abstellgleis, da wird nicht gefördert, da wird getöpfert.
Besagter Oberschüler machte nun in einer Uni ein Praktikum: Und glänzte.
Mitarbeiter des Forschungsprojekts, an dem er nun teilnahm, konnten ohne große Vorbereitung mit ihm gut umgehen. Dass er von allein nichts mitteilen würde, hatte man ihnen erzählt. Dass sie ja/nein-Fragen stellen sollten, wussten und taten sie. Dass Arbeitszuteilung via eMail mit ihm gut funktionieren werde, kam ihnen recht – denn so lief‘s eh meist ab.
Seine Schule allerdings tut sich schwer in Sachen mündliche Prüfung: Wenn man nicht gerade abgestorbene Stimmbänder hat, kommt man nicht drum herum; dem schiebt das Bildungschaos einen Riegel vor. Im Fall jenes Oberschülers wäre die Lösung einfach: Der Prüfer erwartet keine gesprochenen Antworten, sondern getippte – der Prüfling sitzt am Rechner, der Prüfer liest am Bildschirm. Aber das sei regelwidrig. Ja, wie schön.
Ich denke heute zurück an diesen Gespräche-Abend und hoffe, dass alles gut geht bei seinem Abitur.