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Ich denke immer öfter über Katrin nach.

Die Jahre an der Theodor-Körner-Schule sind lang vorbei. Ich erinnere mich an die Ereignisse, die Horror bedeuteten; wie eine Diashow, Bild für Bild. Aber der Horror setzt nicht mehr ein. Film ohne Ton, Diashow ohne Horror.

Ich sehe das Tor: Furchtlos. Ich sehe die Treppe: Unbesorgt. Ich sitze auf meinem Platz: Ja, was soll's, ich sitze da halt! Ich sehe den Klassenraum mal leer, mal belebt. Doch die Erinnerung ruft keine der bekannten Gefühle hervor. Ich spüre sogar wieder die Last des Rucksacks – der Weg nach Hause, der Weg zur Schule: Nichts. Nur Farben und Bewegung und Gewicht auf den Schultern.

Was für eine gewaltige Erkenntnis! Ich lebe nicht mehr in Angst. Wurde aber auch Zeit.

Solang ich denken kann habe ich mir verboten zu hassen. Das geht mir noch immer so. Doch ich begreife mittlerweile die heilende Wirkung, die fokussierter Hass haben kann. Ich wage diesen Hass nicht zu vergleichen mit dem, was Fernsehnachrichten bieten. Es liegt wohl an der Sprache. Oder an der Verschiedenheit der Menschen. Ich möchte das Wort verwenden in kindlicher Weise… meiner Weise. Der Affekt kreiert keine Affekthandlung: Es wäre einfach gesund für mich gewesen, zurückzuhassen.

Nein, das ist auch nicht ganz korrekt so.

Zurückhassen trifft es nicht. Denn ich kann mich nicht erinnern, jemals tatsächlich gegen mich gerichteteten Hass wahrgenommen zu haben; vielleicht gegen das, wofür auch immer ich stand. Die Andersartigkeit.

Heute weiß ich, dass die meisten der Monster aus monströsen Familien stammen und in diesen Verhältnissen festgehalten wurden. Verdammt nochmal, ich selbst war über 16, als mir aufging, dass in der Glotze keine Märchenwelt gezeigt wird, dass es tatsächlich Menschen meiner Generation gibt, die wohlwollend leben, dass dies kein kultureller Aspekt der Vergangenheit ist.

Aber dies sind alles nur Erklärungen. Sie setzen das Puzzle zusammen. Das Puzzle jedoch bietet nichts. Ich erkenne keinen Grund für Nachsicht, für Vergebung. Ich verzeihe nicht.

Nichtsdestotrotz: es stimmt schon, Zeit heilt Wunden. Zumindest heilen Wunden mit der Zeit.

Es ist manchmal verrückt,
wie die Welt Widersprüche ausspeit
und sich unbekümmert zurücklehnt.

Der Pragmatiker in mir sieht keinen Ausweg: Wie hätten sie lernen sollen, keine schlechten Menschen zu sein? Man wird nicht als guter Mensch geboren. Nur als Mensch. Man hat Talente und man hat Potentiale. Doch was, wenn sie niemand ausschöpft?

Ich durchschaue die Verbindungen, kapiere den Werdegang zum Monsterdasein. Wenn es die Abfahrten nicht sieht, bleibt das Kind auf der Strecke.

Aber soll mich das kümmern?

Ich hatte Angst den Weg anzutreten zur Schule, das Tor zu erreichen, es zu durchqueren, den Hof zu passieren, die Klingel abzuwarten, die Türschwelle zu überschreiten, die Treppen zu steigen, den Raum zu betreten, den Platz anzuvisieren, mich zu setzen, auszupacken, bemerkt zu werden. Der Schutz des Unterrichts bedeutete nur schwache Erleichterung: Immerhin war und bin ich außerdem ein großer Versagensangsthase. – Und wenn es dann wieder läutete und der Lehrer das Klassenzimmer verließ und ich den Monstern ausgesetzt war bis wenige Sekunden vor dem nächsten Klingeln… jede Einzelne Angelegenheit, jeder einzelne Weg brachte seine eigene Sorte Angst mit sich.

So viel Grauenhaftes ist mir nicht widerfahren! Wirklich nicht. Kann man an einer Hand abzählen die Vorfälle.

Aber das weiß das Opfer in den langen Phasen zwischen den Gräuel ja nicht! Ich wusste nur, dass die Jagd irgendwann wieder aufgenommen wird, dass irgendwann wieder was passieren wird, dass das Mobbing und das Getretenwerden und das Treppenrunterkullern und das Meine-Sachen-aus-dem-Fenster-fliegen-sehen und das Zirkel-im-Rücken-fühlen nur die Cheerleadervorhut für das nächste große Spiel waren. Soweit war alles sonnenklar. Kein Grund, die ebenso große Angst zuhause zu lassen. Ne, ne. Die hab ich jeden Tag mitgebracht und dann auch wieder heim geschleppt.

Ok, jetzt erinnere ich mich doch wieder ganz gut an die Furcht. Und Katrins Schicksal verblasst erneut.

Vielleicht ein andermal.

Text: Marianne Jaffke, www.originalmaja.de