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Auszug aus Ausgabe 277 des e!Scope Newsletters.
8. März 2007.

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist unheimlich. Ich habe sie nie kennen gelernt. Sie starb, als ich zwei war. Sie hatte keinen aktiven Einfluss auf mein Leben. Noch nicht mal ihr Freundeskreis wirkte auf mich ein. Ich dachte immer, ich sei wie mein Vater: Irgendwie zurückgezogen, immer eine Melodie im Ohr (sie dagegen war gänzlich unmusikalisch, habe ich mir sagen lassen). Und dann, vor drei Jahren, beim Mittagstisch, haut Vattern mir den Satz um die Ohren, ich führe mich auf wie meine Mutter. Das war rein gar nicht böse gemeint, wir waren guter Stimmung.

Ich erzählte ihm einmal wieder irgendetwas Unwichtiges. Aber in einem Tonfall, der das Umfeld zum Grinsen bringt. Ich zapple ein wenig rum, betone manche Wörter absolut seltsam und schaue mein Gegenüber danach mit großen erwartenden Augen an. Und was macht es, mein Gegenüber? Es lacht, und sagt, ich sei wie meine Mutter. Die habe auch so rumgehampelt. Ganz genauso.

Den Schrecken müssen sie sich einmal vorstellen, liebe Leser! Mein Vater und ich ... wir schwiegen das Thema bereits seit 21 Jahren erfolgreich tot. Und dann so was! Von einem Tag zum anderen interessierte ich mich plötzlich für die Herkunft meines Humors. Und letzte Woche, als ich meine Oma bedrängte, auch jedes Foto in ihrem Besitz zweimal umzudrehen und zu erklären - da fällt mir dieses eine Bild in die Hände. Meine Mutter. Umzingelt von ihren Schulkameraden. Mein Gesicht. Schon immer haben alle gesagt, ich sähe auch so aus wie sie. Ich habe mich daran gewöhnt. Aber dort, auf diesem Bild, da stehe ich, nicht sie. Umzingelt von meinen Freunden, nicht ihren. Das kann nicht sein, dass sie das ist! Das geht nicht. Sie trägt meine Klamotten, meine Frisur. Sie gestikuliert in derselben Art und Weise. Aktionsfoto. Foto mit Person in Aktion. Meine Aktion.

Aber es ist nun einmal in schwarzweiß, das Bild. Und die sie umzingelnden Leute kenne ich gar nicht, sie tragen alle Kleidung aus den 70ern. Schlaghosen und so. Und in der Mitte, so sagt die Rückseite des Fotos, befindet sich nun einmal Marianne Lelke. Und nicht Marianne Jaffke.

Liebe Leser, vermutlich interessiert Sie vielmehr der folgende Inhalt dieser Ausgabe. Und ich bin eigentlich auch ein Verfechter der Methode, Intro mit Ausgabeninhalt zu verbinden. Aber in diesen Stunden kann sich mein Hirn mit nichts anderem als mit meinem aktuellen Erkenntnisschock auseinandersetzen.

Das ist unheimlich. Die Frau sieht aus wie ich. Und nun, nachdem ich so manchen Leuten aus ihrer Vergangenheit in die Augen sah und fragte, welche Ähnlichkeit, abgesehen vom Gesicht, es zwischen mir und meiner Mutter gibt ... nun, da die Antworten immer dieselben erschlagenden Aufzählungen waren, ist mir der Inhalt dieser Ausgabe aber auch so was von egal.

"Dasselbe Vokabular", "dieselbe Wortwahl", "der total gleiche Humor", "Du sprichst genauso wie sie", "Du erzählst Dinge auf dieselbe Weise", "Du hüpfst genauso komisch durch die Gegend".

Das muss ich erst einmal verarbeiten.

Grüße aus Bielefeld
Marianne Jaffke
e!Scope Magazin