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Miss(ver)stand Spiegel

Warum vertauscht der Spiegel rechts und links, aber nicht Oben und Unten? - Die Welt und ihre Irrtümer. Ein unverständlicher Aufsatz.

Die obige Frage verleitet zu einer falschen Annahme: Ein Spiegel vertauscht nicht links und rechts. Denn links und rechts sind Begriffe der Perspektive. Was für mich rechts ist, ist für eine mir gegenüberstehende Person links. Denn ich sehe die Welt aus meinem Blickwinkel, mein Gegenüber aus seinem. Deswegen behaupte ich aber nicht, mein Gegenüber würde links und rechts vertauschen. Das tut es ja schließlich nicht. Sein Links ist das seiner eigenen Perspektive, mein Links das der meinen.

Beim Spiegel ist es auch eine zweite Perspektive, der den Betrachter verwirren kann. Und zwar insoweit, dass er fälschlicherweise annimmt, bei seinem Abbild würden die Seiten vertaucht werden. Aber dies ist wie gesagt nicht der Fall. Das Spiegelbild selbst muss als Nutzer einer anderen Perspektive verstanden werden. Hält man den aktuellen Duden vor ihn hin, dann könnte einzig mein Spiegelbild, gegebenenfalls, Spiegelbilder besäßen die Fähigkeit zu rezipieren, die Buchstaben des Titels korrekt lesen.

Allerdings bleibt links weiterhin links und rechts ist immer noch rechts, denn aus der Perspektive meines Abbilds ist sein rechter Arm auch tatsächlich die Abbildung jenes originalen Arms, der wiederum aus meinem eigenen Betrachtungswinkel heraus gesehen mein rechter ist. Aber trotzdem bleibt der Eindruck, dass weiterhin etwas vertauscht ist.

Mein Eindruck ist korrekt: Denn es wird die Reihenfolge der Dinge, die sich vorne und hinten befinden, umgekehrt. Ich möchte dies verdeutlichen: Vor mir steht in folgender Ordnung auf einem kleinen Abstellbrett mein Zahnputzbecher, dahinter liegt die Tubenpaste, es folgt der Spiegel. Und letzterer gibt seine „Interpretation“ der Welt in anderer Reihenfolge wieder: Abbild-Tube, Abbild-Becher, Abbild-Ich.

(1) Ich (1)
(2) Becher (2)
(3) Tube (3)
----------Spiegel----------
(1) Abbild-Tube (1)
(2) Abbild-Becher (2)
(3) Abbild-Ich (3)

Wenn man also gerne mit der Vokabel Vertauschen arbeiten will, dann sollte es heißen: Der Spiegel vertauscht vorne und hinten.

[ Links und rechts gehören außerdem meinem Verständnis nach zu einem anderen Vokabular als oben und unten. Beide verstehe ich als perspektivische Begriffe; jedoch geht es hierbei um verschiedene Arten von Perspektiven; derart verschieden, dass ein Vergleich nicht erlaubt sein sollte. Ich möchte nun erläutern, um welche Perspektiven es sich handelt.

Links und rechts sind personenabhängig perspektivisch. Man kann sie nur mit Hilfe der Nennung eines konkreten Blickwinkels eindeutig klären. Und da ein Blickwinkel etwas ist, was nur eine Person haben kann, sind rechts und links „personenabhängig perspektivisch“.

Oben und unten sind weniger genaue, eher ungefähre Angaben für die Orientierung eines Gegenstandes. Ich stelle mir dann meist unbewusst eine Hochachse vor – wie ich diese Hochachse anlege, ist meiner gewünschten Perspektive überlassen – und erkenne oben als jene Richtung mit steigendem Radius und unten als die mit fallendem.

Wenn ich nicht gerade mit einer gravitationsunabhängigen Situation konfrontiert bin, was selten der Fall ist, dann nehme auch eine Abhängigkeit zur Schwerkraft an.

Nur in ganz seltenen Fällen benötige ich zusätzlich eine personenabhängige Perspektive. Ich müsste dann schon in die Lage geraten, die jener gleicht, in der meine siebenjährige Nachbarin an ihrer Globuslampe dreht und behauptet, „ein Mädchen auf der anderen Seite der Erde“ würde in diesem Augenblick verkehrt herum die Straße entlang gehen. Damit stellt sie eine personenabhängig-perspektivische Diagnose. Ich könnte mich dann mit ihr streiten, ob diese Aussage richtig ist. Die Chancen, diesen Streit zu gewinnen, stehen für uns beide gleich. Meine junge Nachbarin beachtet in ihrer Feststellung die Faktoren Gravitation und Perspektive des besagten Mädchens nicht, ich dagegen schon. Denn das, wohin mich die Schwerkraft zieht, verstehe ich immer als unten.

Was Raumfahrer auf der Internationalen Raumstation ISS als oben und unten verstehen, kann dagegen theoretisch jeden Tag neu ausgewürfelt werden. Sie können die Position der Erde als Bezugspunkt wählen. Oder das Gerüst der ISS. Oder sie machen sich eine Freude daraus, es immer wieder völlig willkürlich zu bestimmen.

Im Vergleich zu links und rechts sind oben und unten also keine durchweg personenabhängige Perspektiven, sondern perspektivische ungefähre Ort- und Richtungsangaben von Gegenständen mittels einer vorgestellten Hochachse. ]

Warum vertauscht der Spiegel rechts und links? Macht er gar nicht. Er vertauscht die ihm zugewandte mit der ihm abgewandten Seite. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich viele Menschen die Frage zum Spiegelproblem trotzdem mit diesen Vokabeln stellen. Mein Erklärungsansatz dafür, wie sie darauf kommen, ist folgender: Der Betrachter ist es, der etwas vertauscht. Nämlich sich selbst mit dem Abbild. Oder eher: Er verwechselt sich selbst mit seinem Abbild. Er geht davon aus, er sei nicht nur er selbst, sondern eben auch das Abbild. Und dabei behält er seine originale Perspektive bei und erwartet, dass das Abbild diese teilt. Deshalb fragt er sich beispielsweise, warum die Abbild-Uhr am linken Handgelenk ist, statt am rechten. Tatsächlich würde er sie als an der richtigen Stelle befindlich beurteilen, berücksichtigte er auch noch die Perspektive seines Körper-Abbilds.

Warum vertauscht der Spiegel nicht oben und unten? Auch diese Frage führt in die Irre: Wenn man einen Spiegel entsprechend positioniert, ist es ihm ein Leichtes oben und unten zu vertauschen. Es ist schließlich das Reflexionsgesetz, das dem hausgebräuchlichen Spiegel diktiert, eine einzige Richtung umzukehren: nämlich die, die senkrecht zu seiner Oberfläche ist. Steht der Betrachter vor einem solchen Spiegel, vertauscht letzterer wie erläutert vorne und hinten. Bringt er ihn aber an der Decke an und richtet seinen Blick in den Spiegel, dann vertauscht dieser sehr wohl oben und unten.

Text: Marianne Jaffke, www.originalmaja.de

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