Manchmal hab ich mich gefragt, ob es nicht vielleicht falsch ist, keine Sehnsucht nach einer Mutter zu verspüren.
Die Welt um mich herum erschrak jedes Mal, wenn sie davon erfuhr. Armes Mädchen. Lebt allein mit ihrem Vater.
Und es muss in der vierten Klasse gewesen sein. Denn ich schrieb die tragische Buchstabenreihe in einem Unterrichtsraum der Schelfschule.
Irgend etwas oder irgend jemand hatte mir den Floh ins Ohr gesetzt, man könne sich durch losgelöstes Schreiben ungeahnter Dinge bewusst werden.
Ich überlegte nun, ob sich das nicht irgendwie abändern ließe.
Denn vielleicht würde sich herausstellen, dass ich tief in mir den Wunsch nach einer Mutter hegte. Vielleicht war doch alles in Ordnung mit mir. Vielleicht musste es nur einmal in Worte gefasst werden. Vielleicht würde ein solches Gefühl in mir emporsteigen; dieses normale Gefühl, das jeder andere zu haben schien. Das Gefühl, eine Mama zu vermissen, wenn sie nicht da war. Ein bisher fremdes Gefühl.
Heute geht es mir anders. Ich bin manchmal traurig. Denn diese Frau hätte ich schon gern kennen gelernt. Erst seit wenigen Jahren durchstöbere ich mein Leben nach ihren Zeichen.
Ich sehe aus wie sie, sagen alle. Das sagten sie schon immer.
Und ich habe genau ihren Humor, verkündete Papa im Frühling 2004 aus heiterem Himmel.
Und viele schauen mich schweigend an, wenn sie glauben, ich würde es nicht merken. Und ich weiß, sie ziehen Vergleiche. Und sie signalisieren meist, dass die Ähnlichkeit ungewöhnlich ist.
Ihre Lederhandschuhe verraten, dass sie kleinere Finger hatte als ich. Und meine sind wirklich winzig. Die Handschuhe und ein Notizbuch sind das, was ich von ihr habe.
Im Büchlein gibt es einen bestimmten Eintrag: „Habe N.N. geküsst, glaube es hat ihm gefallen.“
Einen gleichen Eintrag – nur mit dem Unterschied, dass andere Initialen in meinem stehen – kann man in einem alten Notizbuch von mir finden. Es erstaunte mich gewaltig. Sie hatte dasselbe geschrieben, ein ähnliches Erlebnis gehabt.
Aber damals, in der vierten Klasse, fehlte mir jedwedes Interesse an ihr. Eigentlich störte mich sogar, dass mein Erscheinen so außerordentlich oft nur dazu führte, sich an die große Marianne zu erinnern.
Denn ich trage sogar denselben Namen.
Und Oma geriet immer ins Schwärmen über Mamas gute Noten, wenn erneut ein schlechtes Zeugnis von mir ins Haus flatterte. Alle ihre Nachbarn, jeder von Papas Freunden – überall die Vergewisserung: „Sie sieht aus wie ihre Mutter.“
Vielleicht war ich wirklich genervt. Aber meine bewussten Gefühle erreichten dieses Level nicht. Dass es einmal eine Mutter gegeben hatte, dass sie nun nicht mehr da war, das hatte für mich kaum Bedeutung.
Doch die Welt scheint mutterfixiert. Und so erschien die Welt schon damals. Und das merkte sogar ich.
„Ich will auch eine Mutter haben“ kritzelte ich aufs Löschpapier.
Ich betrachtete es erwartend.
Nichts.
Vielleicht würde es später kommen. – Mir blieb nicht viel Zeit zur Introspektion, denn: Die Direktorin las mit.
Oder war sie nur Stellvertreterin? Auf jeden Fall gab sie Matheunterricht.
Und sie hielt alsbald meinem Vater besagtes Löschpapier unter die Nase.
Das überforderte ihn völlig.
Ich frage mich, was genau in ihm wohl vorgegangen sein mag. Was auch immer es gewesen ist, er entschied sich für die Konfrontation.
Aber so etwas liegt ihm nicht.
Er ist zwar ein sehr mitfühlender Mensch, tatsächlich bedacht darauf, den Seinen aufmerksam gegenüber zu treten. Doch für bestimmte Sachen fehlt ihm einfach das Gespür. Er bemerkt nicht, wie sehr sein Bedürfnis, Dinge zu erfahren, sein ansonsten gesundes Bewusstsein für sensibles Entgegenkommen überschattet. Das ist der Pressemensch in ihm.
Wenn er denn manchmal wahrnahm, dass seine Tochter Sorgen hatte, dann war deren Benennung wichtiger als die besorgte Tochter. Kein vorsichtiges Herantasten. Kein Vertrauen darauf, dass sie weiß, was sie möchte. Nämlich ein wenig Ruhe. Keinen Redezwang. Demonstratives Türschließen löste in ihm immer den Alarm aus, sofort nachhaken zu müssen. Ganz zu Schweigen von der ausdrücklichen Bitte, über etwas nicht sprechen zu wollen.
Ich weiß bis heute nicht, ob es ein falscher Eindruck ist: Aber die meiste Zeit ging ich davon aus, dass es letzten Endes um seine Sorgen ging. Väterliche Schuldgefühle mussten auf jeden Fall vermieden werden. Und die Regel lautete: Nur, wenn man genau weiß, was das Kind hat, kann man auch genau wissen, dass man keine Schuld trägt. Und falls doch, muss das Schuldproblem aus der Welt geschafft werden.
Also konfrontierte er mich mit dem Löschpapier: Was ich damit sagen wolle. Warum ich das aufgeschrieben habe. Die Direktorin persönlich habe ihn deswegen zum Gespräch zitiert.
Es war schrecklich.
Warum muss man sich als Viertklässlerin so vieler Dinge bewusst sein? Andere Viertklässer wissen doch auch alle nichts! Meine Schulkameraden hätten garantiert nicht analysiert. Sie hätten garantiert kein Mitleid für den Vater empfunden, hätten sich garantiert erst gar nicht für den seltsamen Aufschreibetest entschieden, würden garantiert eine Mutter haben oder haben wollen – und würden bei einem solchen erzwungenen, enttäuschenden Vatergespräch nicht mehr als selbstbezogenen Kummer empfinden.
Den empfand ich auf jeden Fall. Warum dieser Aufwand? Warum ist Papa böse? Warum war mein Benehmen schon wieder falsch? Warum muss ich mich deshalb schuldig fühlen? Wieso fühle ich mich auch wie auf Knopfdruck unerträglich schuldig – wo ich doch gleichzeitig aus meinem überanalytischen Standpunkt heraus genau weiß, dass das völlig unnötig ist, dass ich nichts falsch gemacht habe.
All diese emotional dummen Leute um mich herum – mein Vater, die Lehrer, vor allen Dingen diese naiven, dummen, brutalen Kinder, die in ihrem Verhalten immer wieder bestätigt wurden –, warum verurteilten sie mich unentwegt?
Und warum musste mein Vater zu ihnen gehören?
Andauernd fiel er mir in den Rücken. Er, mein einziger Verbündeter. Und er wusste es nie, wenn er es tat. Weiß es nie.
Und immerzu fühlte ich mich schuldig. Und jedes Mal tat er mir leid. Weil er es war, der die Welt einmal wieder falsch verstand. Weil er mit ihr nicht genau umzugehen wusste. Und vor allen Dingen, weil er für mich so hart daran arbeitete, alles richtig zu machen.
Und ich habe – und das weiß ich mit enormer Gewissheit – nicht das geringste Recht, Vorwürfe zu machen. Denn man darf nicht erwarten, dass Leute einen vollkommen verstehen, dass sie perfekt handeln. Schon gar nicht von jenen, die sich in solchem Sport versuchen.
= Beides ein barbarischer Anspruch.
Keine Vorwürfe also. Weil, kein Herzbrechen.
Aber wohin mit all der Enttäuschung? Wie kompensieren? Sie erschlägt mich immer wieder aufs Neue.
Eigentlich hatte ich ja vor, nicht mehr zu schreiben.
So viel zu guten Vorsätzen.
Text: Marianne Jaffke, www.originalmaja.de